Die sieben Tugenden
Attraktivität; Intelligenz; Sex ...


1. Attraktivität

An sich kein subkulturell-spezifisches Thema, wäre da nicht die Marschroute „Krasser, geiler, schöner“ gepaart mit dem weitestgehend völligen Ausbleiben eines Bescheidenheitsgeschmacks.
Charakteristisch ist die weit verbreitete Übereinstimmung über die hohe Wichtigkeit dieses vermeintlich weniger tiefsinnigen Feldes.
Wichtig sind etwa das möglichst elegante Schraffieren der Untergewichtsgrenze, elegante Androgynität (selbstverständlich gepaart mit mächtig viel Intelligenz; vgl. 2) oder ein Hauch von Leni Riefenstahl-Olympismus (Tarnhose statt Ölzweig!)
Distanzierungsversuche hin zu Tiefgang und Unnahbarkeit bleiben nicht aus: Kommen Sie daher niemals auf die Idee, offen auszusprechen, dass der größte Iro wirklich Aussagekraft besäße. Niemand würde Ihnen zustimmen; obwohl es trotzdem alle denken.

2. Intelligenz

Keine Angst, hier geht es nicht um Matheaufgaben oder irgendwelche Quotienten.
Nein, Intelligenz besitzt einen höheren Stellenwert.
Niemand wird dem widersprechen, scheint sie doch ein Garant für den noch fehlenden Tiefgang (vgl. 1) zu sein. Intelligenz äußert sich szenekompatibel vor allem durch Zitierkompetenzen einschlägiger Klassiker aus Literatur, Film und Kunst, durch weiterführend geschickten Einsatz von Halbwissen, durch auch mal hanebüchenen Fremdworteinsatz und vor allem durch gutes Aussehen (falls Sie letzteres nicht verstehen, sind Sie vielleicht nicht intelligent genug).
Um der Intelligenz einen Aufschwung zu verleihen, kann eine Erhöhung der Wortfrequenz in der Sprache nicht schaden (falls das nicht von allein gelingt: dazu gibt es kleine Hilfsmittel).
Die eigentliche institutionelle Bildungskarriere ist völlig belanglos. Sie entscheidet lediglich, ob man zusätzlich noch ein arroganter Wichser ist, oder eben ... naja, eben einfach nur intelligent.

3. Sex

Ein wahrhaft heikles Thema: Alle wollen ihn, viele haben ihn. Doch sind diese somit auch glücklich?
Weit gefehlt!! Sex birgt entschieden zu viele Motive, die ein in unmittelbaren Bahnen denkendes Wesen mit der bloßen Erfüllung körperlicher Begierden dauerhaft zufrieden stellen würden. Die auf bloß begrenzte Befriedigbarkeit angelegte menschliche Bedürfnisnatur findet Mittel und Wege, dem sexuellen Glück ein Schnippchen zu schlagen: Ein Partner ist auf Dauer langweilig, warum nicht einen anderen oder gar einen weiteren? Warum nicht vor allem einen attraktiveren (siehe 1)?
Dazu kommt noch der schwergewichtige Prestigecharakter der Sexualität.
Wie sagten schon die alten Phönizier?

„Du bist, wen Du fickst.“

Für den Grufti von Welt eine allzu verlockende Perspektive.

Also: Fingernägel gewetzt und auf ins Vergnügen. Kleiner Tip: Ein Ausbleiben von Reflexion über die geschilderten Umstände ist diesem Ziel durchaus förderlich.

4. Authentitzität

Vielleicht das schwierigste Feld im bunten Strauß der Felder. Authentisch ist einfach jeder ... oder ist es keiner? Es gestaltet sich als schwierig, überhaupt festmachen zu wollen, was Authentizität eigentlich sein soll. Zumal es einfach niemanden gibt, der irgendwie unauthentisch auftritt oder so aussieht, auch wenn das adequate Styling (s. 1) erst am Tag zuvor eingekauft wurde.
So sind wir eben alle schon seit 79 in der Szene, auch wenn wir erst 88 geboren wurden.

Aber auch jene Stillen unter uns, die alles mit Leib und Seele aufgesogen haben und den wahren Durchblick durch das Dickicht der Symbole und Rituale besitzen, die musikalisch (vgl. 6) sehr bewandert sind und immense Wissensbestände diesbezüglich (Achtung: dies hat mit Intelligenz - vgl. 2 - nichts zu tun!!) aufweisen, werden schnell zu Spielbällen der Eitelkeit. Die Falle der Arroganz droht, auch wenn sie in Zeiten der Konjunkturflaute zum Preis gesteigerter Reflexion etwas aufgetaut werden kann.

5. Arroganz

Sie fühlen sich unsicher beim Betreten eines Raumes mit fremden Menschen? Wenn Sie von einem fremden Menschen angesprochen werden, aber nicht wissen, wie Sie reagieren sollen, fühlen Sie sich unwohl und beklommen? Haben Sie Angst, das Falsche zu sagen oder nicht ernst genommen zu werden? Ist es für Sie das allerwichtigste, immer das Gesicht zu wahren? Fühlen Sie sich einfach scheiße, wenn Sie genau merken, dass Sie gerade etwas Peinliches getan haben und trotzdem versuchen, es irgendwie krampfhaft souverän zu überspielen? Sie kennen eine Band nicht, haben aber Angst dies zuzugeben? Der Mensch, der Sie anspricht, gefällt Ihnen nicht aber Sie wissen nicht, wie sie geschickt aus der Bresche springen können? Vielleicht haben Sie auch einfach Schiss, freundlich zu sein, um nicht verletzbar zu werden? Sie wissen nicht, wie Sie ihren Schwarm beeindrucken sollen? Reflexion ist Ihnen zu anstrengend?

Dann seien Sie arrogant!

"Arroganz - Und die Unsicherheit kann gehen."

6. Musik

Hier sind wir bei einem höchst interessanten, da ambivalenten Themenfeld angelangt. Musik vermag vermeintlich Erstaunliches zu leisten, da sie als echte Intention aufgefasst werden kann, welche Menschen in Diskotheken lockt, obwohl kein unmittelbares Sexualmotiv mit seinen korrelierenden Profilneurosen (vgl. dazu 1-5) ihr inhärent ist.

Dennoch aufgepasst: Tanzen macht nicht nur Laune - nein - es ist auch Ihre Chance zu glänzen. Rhythmusgefühl ist sekundär: Style ist hier, was zählt. Doch selbst wenn Sie voll im Rhythmus liegen, tanzen Sie auf keinen Fall so, wie es Ihnen gefällt. Schauen Sie sich um und orientieren Sie sich an Ihrem Umfeld. Die Tanzfläche ist der Ort, an dem Attraktivität (vgl. 1) erst richtig zur Geltung kommt (Intelligenz bestimmt irgendwie auch). Und das fordert Ihre Beobachtungs- und Umsetzungsgabe!

Also: Schuhe poliert und hoch das Bein (sollte Ihr Absatz nicht ein zu hohes Gewicht aufweisen).

7. Selbstironie

Selbstironie ist ein immens wichtiges Feld. Vielleicht sogar das wichtigste von allen. Das heißt natürlich noch lange nicht, dass sie auch das beliebteste oder verbreitetste Feld ist. Dennoch birgt Sie zahlreiche Chancen: Sie können z.B. ohne weiteres beliebige Facetten der zuvor genannten Felder auswählen und in Ihr Verhalten adaptieren und bei externer Kritik lächelnd auf Ihre Selbstironie verweisen. Sie können auch Ihre Internetprofile (vergessen Sie nicht, sich auch bei Myspace anzumelden, nur dort ist Authentizität - vgl. 4 - vollends gewährleistet) mit interessanten, mehrdeutigen Anspielungen versehen, ohne dass Sie jemand einfach so darauf festnageln kann. Vergessen Sie jedoch niemals die Gefahr, durch zu plumpes Auftreten den schillernden Umhang der Selbstironie beflecken zu können und unterziehen Sie sich und Ihren Umhang daher einem regelmäßigen reflexiven Waschgang bei mindestens 60°.

(C) Captain-Gruft 2008